BBNE

Sehen Sie das Bild oben auf dieser Seite? Sehen Sie die dünne blaue Linie am Rand der Erde?
Das ist unsere Atmosphäre.
Sie ist kein dekorativer Saum um unseren Planeten. In dieser vergleichsweise dünnen Hülle befindet sich die Luft, die wir atmen. Sie trägt unser Wetter, verteilt Wasser und Wärme und schützt das Leben vor einem Teil der lebensfeindlichen Bedingungen des Weltraums. Was aus unserer alltäglichen Perspektive grenzenlos erscheint, wirkt aus dem All beinahe erschreckend verletzlich.
Mindestens ebenso irritierend finde ich eine andere Perspektive: Seit ungefähr 260 Jahren – und nein, da ist keine Null zu viel – beschreiben Pädagogen, Naturkundler und gesellschaftliche Reformer erstaunlich genau viele der Probleme, die wir heute unter dem Begriff der nachhaltigen Entwicklung diskutieren.
In den von mir untersuchten Texten aus der Zeit zwischen 1750 und 1790 wird vor einem übermäßigen Fleischkonsum gewarnt. Schlecht gebaute und unzureichend isolierte Häuser werden wegen ihres hohen Verbrauchs an Heizmaterial kritisiert. Menschen werden dazu aufgefordert, Gegenstände zu pflegen und zu reparieren, statt sie achtlos wegzuwerfen. Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Geringschätzung der Arbeit von Frauen wird ebenso thematisiert wie der Verlust biologischer Vielfalt – ausdrücklich auch der Rückgang von Insekten.
Die Begriffe waren andere. Die Zielkonflikte waren es nicht.
Wir wissen deshalb nicht erst seit dem Brundtland-Bericht, den Klimakonferenzen oder den 17 Nachhaltigkeitszielen, dass kurzfristiger Nutzen langfristige Lebensgrundlagen gefährden kann. Ebenso lange wissen wir, dass Wissen allein keine Veränderung bewirkt. Menschen müssen Zusammenhänge verstehen, Folgen beurteilen, Interessen gegeneinander abwägen und schließlich handlungsfähig werden.
Genau darin liegt für mich der Kern einer Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung.
In mehr als sieben Jahren praktischer Arbeit im Bereich BNE und BBNE habe ich Schulen beraten, Vorträge und Workshops durchgeführt und landesweite Projekte begleitet. Als Fachberater für BBNE und nachhaltige Mobilität arbeitete ich mit berufs- und allgemeinbildenden Schulen, Lehrkräften, Netzwerken und weiteren Partnern der Bildung zusammen.
Dabei habe ich eine Erfahrung immer wieder gemacht: Den meisten Lehrkräften fehlt es weder an Verantwortungsbewusstsein noch an guten Ideen. Häufig fehlt eine belastbare Verbindung zwischen den großen Nachhaltigkeitszielen und den konkreten Entscheidungen eines Berufes.
Denn Nachhaltigkeit wird nicht dadurch beruflich relevant, dass Lernende die 17 Ziele aufzählen oder Plakate gestalten können. Sie wird relevant, wenn eine Landwirtin über Düngung, Tierhaltung und Bodenschutz entscheidet. Wenn ein Forstwirt zwischen kurzfristigem Holzertrag, Waldumbau und Klimarisiken abwägt. Wenn eine Pflegekraft mit knappen Ressourcen umgehen muss. Wenn in Technik, Verwaltung, Handel oder Sozialpädagogik Entscheidungen getroffen werden, deren ökologische, wirtschaftliche und soziale Folgen nicht gleichzeitig konfliktfrei zu lösen sind.
Nachhaltigkeit muss beruflich entscheidbar werden.
In meinen Fachimpulsen, Workshops und Entwicklungsprozessen unterstütze ich Bildungseinrichtungen deshalb dabei, Nachhaltigkeit nicht als zusätzliches Unterrichtsthema, sondern als Bestandteil beruflicher Handlungskompetenz zu gestalten. Gemeinsam werden reale Entscheidungssituationen identifiziert, Zielkonflikte fachlich aufbereitet und in Unterricht, Projekte, Curricula und Lernmaterialien übersetzt.
BBNE wird dann wirksam, wenn Lernende Zielkonflikte erkennen, deren Folgen fachlich beurteilen und in realen beruflichen Situationen verantwortlich handeln können.
Nicht irgendwann. Sondern dort, wo berufliche Entscheidungen tatsächlich getroffen werden.
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