Autismus

Wie viele autistische Menschen lernen und arbeiten an Ihrer Schule?
Die ehrliche Antwort lautet wahrscheinlich: mehr, als Sie wissen.
Internationale Übersichtsarbeiten gehen davon aus, dass ungefähr ein Prozent der Bevölkerung autistisch ist. Die Weltgesundheitsorganisation nennt derzeit einen globalen Mittelwert von etwa einem autistischen Menschen unter 127 Personen. In aktuellen Erhebungen aus den USA wurde bei einem von 31 achtjährigen Kindern eine Autismusdiagnose dokumentiert. Diese Zahlen lassen sich aufgrund unterschiedlicher Erhebungsmethoden und Versorgungssysteme nicht unmittelbar miteinander oder mit Deutschland vergleichen. Sie zeigen aber eines sehr deutlich:
Autismus ist kein seltener schulischer Sonderfall.
Selbst bei einer vorsichtigen Annahme von einem Prozent lernen an einer Schule mit 1.000 Schülerinnen und Schülern statistisch ungefähr zehn autistische Menschen – zusätzlich zu autistischen Lehrkräften und anderen Beschäftigten. Dazu kommen Lernende mit ADHS, dessen Prävalenz bei Kindern und Jugendlichen in internationalen Untersuchungen auf mehrere Prozent geschätzt wird, sowie Menschen mit Legasthenie, Dyspraxie, Angststörungen, Migräne, chronischer Erschöpfung oder besonderen sensorischen Verarbeitungsweisen. Die Zahlen dürfen wegen erheblicher Überschneidungen nicht einfach addiert werden. Sie machen jedoch sichtbar, dass der vermeintliche „durchschnittliche Lernende“ eher eine organisatorische Vorstellung als schulische Realität ist.
Dabei gilt:
Kennst du einen Autisten, kennst du einen Autisten.
Autistische Menschen verbindet kein einheitliches Verhalten. Ein Mensch benötigt wenig Sprache und intensive Unterstützung, ein anderer studiert, unterrichtet oder leitet eine Organisation. Manche suchen Bewegung, andere vermeiden sie. Manche reagieren empfindlich auf Geräusche, Licht oder Gerüche, andere nehmen bestimmte Reize kaum wahr und benötigen stärkere sensorische Rückmeldungen. Einige sprechen sehr direkt, andere haben über Jahre gelernt, jede soziale Reaktion bewusst zu kontrollieren. Manche fallen früh auf. Andere erhalten ihre Diagnose erst im Erwachsenenalter – oder nie.
Eine autismussensible Schule kann deshalb nicht aus einer Sammlung vermeintlich „autismustypischer“ Maßnahmen bestehen. Sie muss beobachten, fragen und gemeinsam mit den Betroffenen herausfinden, welche Barrieren tatsächlich bestehen und welche Unterstützung konkret hilft.
Lehrkräfte müssen dabei nicht zu Ersatzdiagnostikern werden. Ihre Aufgabe ist nicht, festzustellen, ob ein Lernender „wirklich autistisch“ ist. Sie können jedoch erkennen, wenn unklare Erwartungen, sensorische Belastungen, spontane Veränderungen, soziale Mehrdeutigkeit oder fehlende Rückzugsmöglichkeiten Lernen unnötig erschweren.
Stimming ist nicht automatisch eine Störung
Wippen mit dem Fuß, Drehen eines Gegenstands, Schaukeln, wiederholte Handbewegungen, Kritzeln oder leises Wiederholen von Lauten können Formen des Stimmings sein. Solche wiederkehrenden Bewegungen oder Handlungen können helfen, Aufmerksamkeit, Anspannung, Emotionen oder sensorische Reize zu regulieren.
Entscheidend ist deshalb nicht, ob ein Verhalten ungewöhnlich aussieht, sondern welche Funktion es erfüllt und ob es andere Menschen tatsächlich erheblich beeinträchtigt oder die Person gefährdet.
Harmloses Stimming reflexartig zu unterbinden kann bedeuten, einem Menschen genau die Regulationsstrategie zu nehmen, die ihm die Teilnahme am Unterricht ermöglicht. Wo ein Verhalten problematisch oder gefährlich ist, braucht es keine Beschämung, sondern eine funktional passende und sozial verträgliche Alternative.
Unterricht braucht sichtbare Strukturen
Autistische Lernende benötigen nicht zwangsläufig weniger Regeln. Häufig benötigen sie weniger unsichtbare Regeln.
„Bearbeiten Sie die Aufgabe angemessen“, „Arbeiten Sie in der Gruppe“ oder „Gestalten Sie eine ansprechende Präsentation“ klingt für viele Lehrkräfte eindeutig. Tatsächlich bleiben dabei zahlreiche Fragen unbeantwortet.
Eine verständliche Unterrichtsstruktur nimmt fachliche Anforderungen nicht zurück. Sie macht lediglich sichtbar, was für andere Lernende möglicherweise intuitiv erschließbar ist. Davon profitieren nicht nur autistische Menschen, sondern auch Lernende mit ADHS, sprachlichen Unsicherheiten, Angst, geringer Erfahrung mit schulischen Codes oder einer hohen Belastung außerhalb der Schule.
Eine Structured Break Area ist kein „Autismusraum“
Schulen sind sensorisch anspruchsvolle Orte. Unterricht findet nicht nur in Klassenräumen statt, sondern auch in Werkstätten, Lehrküchen, Laboren, Gewächshäusern und auf dem Außengelände. Hinzu kommen Pausenbereiche, wechselnde Lehrkräfte, Prüfungen und andere Lernorte.
Eine Structured Break Area ist deshalb kein Snoezelraum, Therapiezimmer oder Raum, in den auffällige Lernende abgeschoben werden. Sie ist ein reizreduzierter, vorhersehbarer Regulationsort, der eine selbstbestimmte Unterbrechung ermöglicht, bevor aus Überlastung ein vollständiger Rückzug, Meltdown oder Unterrichtsabbruch entsteht.
Genau hier setzt meine Arbeit an
Ich unterstütze Schulen und Bildungseinrichtungen dabei, autismussensible Strukturen zu entwickeln, ohne Unterricht zu therapeutisieren und ohne Lehrkräfte mit diagnostischen Aufgaben zu überfordern.
Meine Arbeit umfasst insbesondere:
• Beratung zu Autismus und weiteren neurodivergenten Lernprofilen,
• Analyse von Unterrichtsstrukturen, Aufgabenstellungen und Prüfungen,
• Umgang mit sensorischen Belastungen und Stimming,
• Entwicklung von Regeln, Routinen und vorhersehbaren Übergängen,
• Konzeption von Structured Break Areas für allgemein- und berufsbildende Schulen,
• Fortbildungen und Workshops für Kollegien und Ausbildungspersonal,
• autismussensible und barrierearme Materialprüfung mit KoLINAR.
Dabei geht es weder um eine Absenkung fachlicher Anforderungen noch um Sonderwelten innerhalb der Schule. Es geht darum, vermeidbare Barrieren zu erkennen und Bildungsräume so zu gestalten, dass unterschiedliche Menschen ihre Fähigkeiten tatsächlich zeigen können.
∞
